Texte

Inspiriert von Ornamenten und Stofflichkeit als kulturhistorische Bestandteile der Volkskunst, von Märchen und Mythen sowie Traditionen und Ritualen, erscheinen diese Einflüsse im Werk der Malerin und Keramik-Bildhauerin Beate Höing in einer ganz eigenständigen Ikonografie. Tatsächlich Vorhandenes, Assoziiertes und Erinnertes fügt sich in einem ambivalenten Spiel aus Realität und Fiktion zusammen, in welchem Traum und Albtraum, Entspannung und Erschrecken dicht beieinander liegen. Inhalte, Materialität und Form sind untrennbar miteinander verbunden. Die Ölgemälde, Keramik-Skulpturen  und Installationen der Künstlerin vermitteln zudem eine Begeisterung für die Schönheit, Zartheit und Ästhetik der Dinge sowie die Lust am Spiel mit den gestalterischen Möglichkeiten.

Im malerischen Werk Beate Höings zeigen sich Bilderwelten in Anlehnung an fotografische Vorlagen der 70er und 80er Jahre. Die Intimität eines Augenblicks wird ausschnitthaft festgehalten. Die dargestellten Bildmotive erscheinen auf den ersten Blick als Wiedergabe einer heilen Welt oder Dokumentation vergangener Tage. Die friedliche Idylle trügt und offenbart auf den zweiten Blick auch Ambivalenz und Doppelbödigkeit.

Ebenso verhält es sich mit den keramischen Arbeiten, die als eigenständiges Medium im Wechselspiel zur Malerei entstehen. Das keramische Material transportiert indirekt die Vorstellung von Kitsch, aber auch von traditionellem Handwerk. Diese „Hypothek“ kommt der inhaltlichen Aussage entgegen, wird von der Künstlerin fast provokant gesteigert. Eingearbeitete Nippes- und Porzellanfigürchen, seit Jahrhunderten Inbegriff bürgerlicher Vorlieben, als Dekorationsartikel oder Souvenir geliebt oder als Kitsch abgetan, bieten Spielraum für Imaginäres und Fantastisches.
Mädchen-, Jungenfiguren, Träumende oder Schlafende, Märchen-, Fabelwesen oder Tiere – fragil erwachsen die Figuren aus floralen, opulenten Sockelelementen, stehen für sich selbst oder präsentieren sich in Figurenarrangements, auch im Zusammenspiel mir der Malerei.

Die Arbeiten Beate Höings zeigen einen sehr poetischen, zuweilen ironischen Blick auf Vergangenes, erzählen von Erinnerungen, Träumen und surrealen Welten, auch mit einem humorvollen Augenzwinkern.

Jutta Meyer zu Riemsloh M.A.

 

 

Text aus dem Katalog „summen“ – Beate Höing
anlässlich der Ausstellungen im Stadtmuseum Beckum, Kunstverein Kreis Gütersloh, Stadtmuseum Siegburg, 2012/2013

Gemalte Erinnerungskultur

Das menschlich-allzumenschliche in den Bildwelten von Beate Höing

Beate Höing widmet sich in ihrer Malerei den klassischen Bereichen des Portraits, des Stilllebens und des Interieurs. In immer neuen Beispielen und Variationen lotet sie die Möglichkeiten dieser traditionsreichen Bildgattungen aus, die mit ihrem Aufblühen und zugleich Höhepunkten im 17. Jahrhundert ihren Zenit eigentlich seit langem überschritten haben. Zwar wurden Bilder dieser Art auch im 18. und 19. Jahrhundert vielfach gemalt, doch bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts endete die ursprüngliche Bildidee und ein bedeutsamer Wandel stellte sich ein. Die einstigen Darstellungen bürgerlich-sittlicher Häuslichkeit änderten sich zusehends, radikalisierten sich sogar und mutierten bisweilen zu magischen oder gar metaphysischen Orten, die durchaus auch ihr eigenes Grauen entwickeln konnten. Mit der Malerei Beate Höings scheinen nun wieder die häusliche Gemütlichkeit und die Geborgenheit in die Stillleben und die Interieurmalerei eingezogen zu sein. Dieser Umstand muss den Betrachter natürlich stutzig machen.

Auf den ersten Blick wirken die Bilder von Beate Höing harmonisch und nett, vielleicht sogar anrührend und beinah kitschig, als habe sich jemand daran gemacht, sein heimisches Ambiente ins rechte und selbstgefällige Bild zu setzen. Die Themen und Versatzstücke sind schnell erkannt und vermeintlich auch durchschaut: Portraits von Menschen oder Tieren, Blumenvasen, Zimmerpflanzen, Kissen und Gardinen bestimmen die Bilder. Und alles in kleinem und daher überschaubarem Format – mehr für die Wohnzimmerkommode und die Fensterbank geeignet als für große Ausstellungsräume. Keine seriöse Kunst für die Öffentlichkeit – denkt man.

Erst wenn man sich intensiver auf diese Bilder einlässt, beginnen sich ihre Bildinhalte zu wandeln. Sie kippen quasi in einen anderen und neuen Bildsinn. Der zweite und tiefere Blick wird folglich belohnt, beschleicht einen doch allmählich ein gewisses Erstaunen angesichts der Intensität und Spannbreite des Dargestellten. Denn das vermeintlich Harmonische und Friedvolle dieser Bildwelten entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine doppelbödige, ja tückische Eintracht, die sich auch in ihr Gegenteil zu kehren vermag. Unbehagen über die anfängliche, naive Bewertung stellt sich ein. Die Bilder jedoch sind noch immer die gleichen.

Bei näherer Betrachtung weiten sich die bewusst klein gehaltenen Arbeiten zu eigenständigen Bildwelten, in denen Fantastisches ebenso seinen Platz hat wie die gewohnte Alltagsrealität. Letztere stellt Beate Höing gebrochen dar, sei es durch das leichte Verunklären, als sei das Dargestellte unscharf oder verschwommen, und andererseits durch das absichtsvolle Fokussieren auf scheinbar völlig banale Zusammenhänge. Vieles wirkt wie ein gemalter Spot.

Die Bilder können sich auch öffnen und enorme Bildtiefen entwickeln. Oftmals ist noch Platz für ein „Bild im Bild“, wenn die Innenräume ihren Vorbildern folgend tatsächlich noch ein kleines Bild an die Wand gehängt bekommen. Die Tiefenwirkung ihrer Malerei führt auch dazu, dass ein einzelnes kleines Bild sich durchaus an einer großen Ausstellungswand durchsetzen und behaupten kann. Dies traut man den miniaturhaften Bildern zunächst kaum zu. Tiefenwirkung erreicht Beate Höing nicht allein durch räumliche Darstellung, sondern auch durch die zahlreichen Schichten und Lasuren, aus denen ihre Bilder bestehen. Sie werden auf die ungrundierte Leinwand, die die Farben natürlich aufsaugt, solange übereinander gelegt, bis sich die gewünschte Bildwirkung einstellt. 20 bis 30 Malvorgänge mit Tempera- und Ölfarben – zum Teil mit Weiß gehöht – sind da keine Seltenheit. Dies ist „altmeisterlich“ und zeitaufwendig, führt aber letztlich zu der gewünschten Wirkung.

Auslöser ihrer Bilder sind oftmals alte Fotografien aus Familienalben. Diese eigentlich austauschbaren Fotos von Geburtstagen, Angehörigen, Wohnzimmern und Festtagen werden von ihr gesichtet, reflektiert und auf eine andere Ebene gehoben – nie abschätzig oder gar mitleidig wegen der darin enthaltenen und sich ständig wiederholenden Alltäglichkeiten, sondern im Gegenteil liebevoll, persönlich und gar mit einem intimen Blick auf die ursprünglichen Bildinhalte. Auch dieser respektvolle Umgang mit den vorhandenen Vorlagen und ihrer Geschichte macht die große Sinnlichkeit der Bilder Beate Höings aus. Zwar sind alte Fotos der Auslöser zu neuen Bildern, doch stets nur als kurzer Anlass, bevor ein intensiver Verselbständigungsprozess einsetzt, der zu völlig neuen und andersartigen Konstruktionen und Zusammenhängen führen kann. Zitat Beate Höing: „Es geht mir dann nur noch um das gültige neue Bild.“

Neben den Fotos aus Vergangenheit und Kindheit sind auch Märchen und Erzählungen wichtige Grundlagen ihrer Arbeiten. So begegnen wir Schneewittchen und Rotkäppchen ebenso wie bezaubernden Prinzessinnen und geheimnisvollen Nixen und werden an ein Stück heile Welt unserer Kindertage erinnert. Auch diese Themen tragen zum großen Déja-vu-Effekt ihrer Bilder bei und mancher Betrachter mag sich staunend fragen, wo er das gegenwärtig zu Sehende schon einmal erblickt hat – die Blume bei der Oma? Die Tischdecke bei der Tante? So einen Wohnzimmerschrank hatten wir damals auch! Texturen und Stofflichkeiten liegen Beate Höing besonders am Herzen. Daher die Fülle an Gestricktem, Gewebtem, Pelzen und Fellen in ihren Bildern. Deren Natürlichkeit, aber auch Plüschigkeit, erreicht sie ebenfalls durch ihre zahlreichen Farbschichtungen, als sei eine Dosis Weichspüler zuviel in die Waschmaschine geraten.

Mit ihren Einrichtungsgegenständen übertreibt Beate Höing nach eigenem Bekunden gern. Statt zu reduzieren, setzt sie oft noch einen drauf: hier noch ein Dekor, da noch eine Vase; hier noch ein Teppich, da noch ein Ornament – immer auf der Suche nach einer imaginären Grenze, die dann aber nicht weiter überschritten werden darf. Dann ist das Bild eben komplett und damit auch vollendet. Die eigentlichen Bildinhalte jedoch bleiben weiterhin verschlüsselt und damit rätselhaft. Sie sind niemals vollständig geklärt. Das neue und eben andere Bild bleibt ein geheimnisvoller, in sich abgeschlossener Mikrokosmos.

Bisweilen sind ihre gemalten Protagonisten den Bildern entstiegen und haben sich als Keramikstatuetten offensichtlich selbständig gemacht. Mit absichtsvoll in „Würstchentechnik“ gedrehten Haaren, doch adrett gekleidet, treten sie den Betrachtern in ganzer Unschuld, aber durchaus würdevoll entgegen getreu dem alten Lutherwort: hier stehe ich, ich kann nicht anders! Oftmals werden die Figuren kombiniert mit käuflicher Kitschkeramik, in der sie schicksalhaft stecken oder in die sie liebevoll eingebettet sind. Kleinbürgerliche Spießigkeit trifft auf Kunst und umgekehrt. Doch auch hier kippt die ursprüngliche Bilderwartung schnell. Zitat: „Man wird zuckersüß angefüttert, aber dann stellt man fest, dass es einem nicht schmeckt!“

Zu den gemalten Herrgottswinkeln gesellen sich nun getöpferte, bisweilen aufgereiht wie auf dem Flohmarkt: Jesus neben einem Räuchermännchen, Heilige neben Nippesfiguren. Manche der industriell erzeugten Keramiken wurde entzwei geschlagen und als „Trümmerkinder“ den eigenen Kreationen hinzugefügt. Hierbei werden beide Stücke gemeinsam gebrannt, sodass die industrielle Ware ein zweites Mal in den Ofen kommt und somit auch neue Oberflächen erhält. Der belebende Kontrast zwischen den professionellen Erzeugnissen und den eigenen, vermeintlich dilettantisch erstellten, ist hierbei sogar erwünscht.

Neben einzelnen Keramikfiguren erstellt Beate Höing auch ganze Figurenarrangements. In früheren Jahrhunderten wurden derartige Kompositionen als Tafelaufsätze bei festlichen Anlässen auf die Tische gebracht. Heidnische Mythologie durfte sich hier mit religiösen Darstellungen messen, dicht gefolgt von dynastischen Repräsentationsdarstellungen des einladenden Hauses. Hier schöpft sie aus dem überreichen Fundus der Kunstgeschichte, des Kunstgewerbes und der Volkskunde. Mehr noch als die Bilder entwickeln die Sujets der Keramiken ihr surreales Eigenleben.

Insgesamt bietet Beate Höing einen schonungslosen Blick auf Erlebtes und Erinnertes. Banalitäten des Alltags werden von ihr in Form von Schnappschüssen festgehalten und dann zu eigenen, sinnlichen Bildwelten gesteigert. Nicht als Selbstzweck, sondern zur Spiegelung der Gegenwart. In dieser stecken wir alle, bevor der kurz erlebte Augenblick bereits wieder zu Geschichte geworden ist.

Dr. Martin Gesing (Stadtmuseum Beckum)

 

(english)

Down Memory Lane in Pictures

The human/all-too-human in Beate Höing’s picture worlds

In her paintings, Beate Höing devotes herself to the classical fields of portraiture and of still life & interiors. In ever new examples and variations, she fuses together the possibilities of these traditionally rich genres, which arose and flourished in the 17th century, only to then decline. Though works of this kind were also painted in the 18th and 19th centuries, by the beginning of the 20th century the original pictorial concept had come to an end and a significant transformation took place. The onetime depiction of bourgeois and morally principled domesticity changed visibly, even radicalized and mutated at times to magical or even metaphysical settings, where they could very well develop their own horror. In Beate Höing’s paintings, still life and interiors once again seem to radiate domestic coziness and reassurance. This state of affairs must inevitably make a viewer skeptical.

At first glance, Beate Höing’s paintings seem harmonious and pleasant, perhaps even touching and almost kitschy, as though someone had set out to place her own homey ambience in the proper self-satisfied light. The themes and the props are quickly recognized and presumably also seen through: portraits of people or animals, vases of flowers, indoor plants, cushions and curtains, all describe the paintings. And the entire lot in a small, readily comprehensible format: more suitable for the living room mantle than for large exhibition rooms. Hardly serious art for a public showing—we muse.

Not till you delve more deeply into these pictures do you see the way their contents reshape themselves. They seem to tilt into an other, new pictorial sense. The second and deeper look is ultimately rewarded, as gradually a certain amazement sets in, regarding the intensity and range of what is portrayed. For a closer look reveals that the presumed harmonious and peaceful picture worlds have an accord that is double-edged and even insidious, capable of turning into its opposite. We become uneasy about our initial, naïve evaluation. Yet the pictures have remained the same.

A closer look reveals that the deliberately small works expand into autonomous picture worlds in which fantasy has a place beside normal everyday reality. And Beate Höing depicts the latter as broken, whether via the slight obscurity as though the portrayal was out of focus or hazy and, on the other hand, via the intentional centering on seemingly banal contexts. Much has the effect of a painted advertisement.

The pictures can also open up and develop enormous pictorial depths. There is often even room for a “picture within a picture”, when the interiors, imitating their prototypes, are actually graced with their own picture on the wall. The effect of her paintings’ depth also means that a single small picture can prevail and assert itself against a large exhibition wall. You at first hardly expect these miniature-like pictures to do so. Their three-dimensional effect is something Beate Höing not only achieves by her depiction of space, but also via the many layers and glazes of paint that constitute her canvases. The strata are applied one over the other on the unprimed canvas that absorbs paint naturally, until the desired effect is attained. Twenty to thirty painting sessions with tempera and oils—in part highlighted in white—are not uncommon. This is done in old masterly style and is time-consuming, but in the end achieves the desired effect.

Her paintings are often triggered by old photographs from family albums. These in fact interchangeable photos of birthdays, relatives, living rooms and holidays she leafs through, reflects on and raises to another level, never in disrespect or even pityingly as regards the constantly repetitive commonplaceness but, on the contrary, lovingly, personally, and even with an intimate view of the original occasions. Also this respectful treatment of the available source material and the stories it tells make up the keen sensuality of the artist’s works. Old photographs are the trigger for the new paintings, but only as a brief stimulus before an intense matter-of-course process sets in, which can lead to thoroughly new and different constructions and contexts. As Beate Höing says: “With me it’s all only about the new, relevant picture.”

Along with photos from the past and from childhood, fairy tales and stories are also major foundations for her works. Thus we encounter Snow White and Little Red Riding Hood just as well as charming princesses and mysterious nymphs, who recall a portion of an idyllic world from our childhood days. These themes also contribute to the great déja-vu effect of her paintings, and many viewers may ask in surprise where they may have seen this image before: perhaps the flowers at grandma’s? The tablecloth at your aunt’s? We used to have a living room cabinet like that! Textures and materials are near and dear to Beate Höing. And thus this abundance of furs and pelts, of the knitted and the woven in her pictures. Their naturalness, but also their plushiness she has accomplished via numerous paint layers, as though one dose too many of softener had invaded the washing machine.

By her own account, Beate Höing likes to exaggerate when it comes to furnishing accessories. Instead of reducing, she ups the ante: here one more décor, there another vase; here an added rug, there another ornament—always on the lookout for an imaginary boundary line that she must then not further overstep. Till voilà, the picture is complete and thus true. The actual content of the picture, however, remains encrypted and indeed enigmatic. It is never fully clarified. The new and, yes, different picture remains a mysterious, closed-off microcosm.

Occasionally her painted protagonists climb out of their pictures and become autonomous as ceramic statues. With hair intentionally rolled up “hotdog fashion” but smartly dressed, they step toward the viewers in full but dignified innocence, true to Luther’s word: Here I stand, I can do no other! Often the figures are combined with commercial kitsch ceramics, in which they are fatefully caught or rather lovingly embedded. The petit bourgeois meets art and vice versa. But here too the original expectation of a picture quickly flips. Quote: “You are lured with sugar sweet, but discover you dislike the taste!”

In addition to the painted family shrines, pottery pieces are at times lined up like wares at a flea market: Jesus next to incense smokers, saints next to figurines. Many an industrially produced ceramic was broken in two and as “rubble striplings” added to her own creations. Whereby both pieces are fired in tandem, so that the industrial ware goes through the oven twice over and is given a new exterior. The stimulating contrast between the professional products and one’s own, assumably dilettante, pieces is even specifically intended.

Along with single ceramic figures, Beate Höing also creates whole figure arrangements. In former centuries, such compositions were set on a table as centerpieces for festive occasions. Heathen mythology may vie here with religious depictions, closely followed by dynastic representational depictions of the highborn hosts. Here she draws on the copious fund of art history, applied art and folklore. More than the pictures, the ceramics and their subjects take on a surreal life of their own.

On the whole, Beate Höing offers a merciless view of past experiences and past memories. She records everyday banalities in the form of snapshots and inflates them into personal, sensual picture worlds. Not as ends in themselves, but as reflections of the present. All of us are part and parcel of these, before the briefly experienced moment sinks again into history.

Dr. Martin Gesing (Stadtmuseum Beckum)

translated by Jeanne Haunschild


Kleines Memorandum

Mit ihren kleinformatigen Bildern und Objekten entführt Beate Höing den Betrachter in eine schwindende Welt. Ihre Gemälde basieren auf Fotografien aus privatem Fundus und zeigen eine kleinbürgerliche Welt mit Spitzendeckchen und Häkelkissen, Plastikblumen und Mustertapete, in der zwischen rustikalem Mobiliar und liebevollem Nippes irgendwie von allem etwas zu viel ist. In solcherlei Welten heimeliger Ordnung hängen zahllose Erinnerungen an Kindheit und Geborgenheit, an eine gewisse (moralische, vielleicht auch geistige) Enge, die sich mit heutigen Globalisierungsbestrebungen auf den verschiedensten Ebenen nicht mehr wirklich verknüpfen lässt. Aber diese Form altertümlichen Ambientes birgt (oder barg) auch eine beruhigende menschliche Dimension und das Gefühl von einer (ehemals) heilen Welt. Beate Höing transportiert und transformiert in ihren Arbeiten Kindheitserinnerungen, die das kollektive Gedächtnis des Betrachters konservieren und berühren.

Allerdings tut sie dies nicht in dokumentarischer Form. Ihre Bilder von einer gewissen altbackenen Gemütlichkeit haben etwas irritierend Tiefgründiges an sich, das sich nicht auf den ersten Blick erklärt. Vielleicht ist es die Fokussierung auf eine Wohnform als Ausdruck einer Lebensform, die so gar nicht mehr in unser modernes Streben nach „Schöner Wohnen“ passen mag. Märchenhaft-kindliches verbindet sich liebevoll mit Spießigkeit und Muff, ohne Herablassung, aber auch ohne Idealisierung oder Wehmut.

In den Porzellan-Objekten, die Beate Höing aus Flohmarktstücken und selbst gefertigten Figuren komponiert, fasst sie die Welt ihrer Bilder auf ironische Weise neu. Den teils kitschigen, teils preziösen Porzellanfigürchen vom Flohmarkt gesellt sie eigenen Figurinen zu, die den gefundenen Objekten einen neuen narrativen Gehalt verleihen. Diese bewusst unperfekten Figurinen, die stets ein wenig improvisiert und schräg wirken, versinnbildlichen die Brüchigkeit und Verletzlichkeit der heilen Welt, die sie – und die Gemälde – spiegeln.

So bietet Beate Höing dem Betrachter einen humorvollen Blick auf eine kleine Welt, die uns mit ihrer Privatheit und Intimität bisweilen mehr bedeuten mag als jede weltmännische Freiheit, erinnert sie doch einen Hort der Geborgenheit, der vielleicht Sehnsüchte und Erinnerungen wachruft an vergangene Zeiten, die aber immer weniger funktionieren, weil sich die Generation, der sie verpflichtet ist, allmählich auflöst.

Der Künstlerin Beate Höing sei an dieser Stelle gedankt dafür, dass sie mit ihrem kleinen, in Bildern und Objekten gefassten Memorandum, an diese schwindenden Welten die beteiligten Häuser in Beckum, Gütersloh und Siegburg mit einem Augenzwinkern zu Erinnerungsstätten an kollektive Wohnkultur und damit an eine bald schon historische Gesellschaftsform macht.

Dr. Gundula Caspary (Stadtmuseum Siegburg)

 

(english)

A Small Memorandum

With her small-scale pictures and objects, Beate Höing lures the viewer into a shrinking world. Her paintings are based on photographs from a private fund and show a petit bourgeois ambience with lace doilies and crocheted cushions, plastic flowers and patterned wall paper, in which—between rustic furniture and loving bric-a-brac—there is simply too much of everything. In such worlds of homey orderliness there repose many memories of childhood and snug security, of a certain (moral, perhaps also mental) narrowness that, with today’s globalizing efforts, can no longer really relate to all of life’s diverse levels. But this form of antiquated climate also embraces (or embraced) a comforting human dimension and the feeling of a (former) idyllic world.

In her works, Beate Höing transports and transforms childhood memories that conserve and touch on the viewer’s reminiscences. She however does so not in any documentary form. With a certain dowdy coziness, her pictures have something irritatingly profound in them, which cannot be explained at any first glance. Perhaps it is this focus on a form of living as the expression of a life style that may no longer suit our modern attempt at gracious living. Something fairy-tale and child-like is lovingly paired with smugness and fustiness, without condescension but also without idealization or wistfulness.

In her porcelain objects, Beate Höing recreates ironically the world of her paintings, which she composes from flea market finds and her handmade pieces. She couples her own figurines with the partly kitschy, partly pretentious porcelain figurines from secondhand sources, lending the found objects a new narrative content. The consciously imperfect figurines, whose effect is always somewhat improvised and quirky, symbolize the tenuousness and vulnerability of the cozy world that they—and the paintings—reflect.

Thus Beate Höing offers the viewer a humorous view of a small world that with its privateness and intimacy may at times mean more to us than liberal sophistication in recalling a cozy existence that awakens nostalgia and memories of past times, but that functions less and less since the generation obligated to it is gradually vanishing.

We thank Beate Höing for showing us this shrinking world in her small but artful memorandum defined by paintings and objects in an exhibition that will go on to participating houses in Beckum, Gütersloh and Siegburg. Her tongue-in-cheek memorial is to a collective way of living and a soon to be historical social form.

Dr. Gundula Caspary (Stadtmuseum Siegburg)

translated by Jeanne Haunschild


Text aus dem Katalog „Beate Höing“
anlässlich der Ausstellungen in der Galerie Peter Tedden, Düsseldorf, 2010

Memory Works

Erinnerungen nachzuspüren ist ein komplexer und weitreichender Prozess. Die Vergangenheit als reale Größe verliert im Laufe der Zeit ihre Gültigkeit: Sie existiert schließlich bewusst oder unterbewusst in der Erinnerung, individuell und nach den jeweiligen Dispositionen des sich Erinnernden verändert. Erinnerungen sind der Vergängnis ausgesetzt, bis sie in anderen Zusammenhängen zu einem neuen Leben erweckt werden. Sie lassen sich speichern, mittels technischer Medien, als Dokumentation eines speziellen Augenblicks. Sie erfahren aber auch eine mentale Wiederbelebung. Diese Bilder entstehen dann im Kopf und sind anders als beispielsweise die des Fotoalbums. Nicht dokumentierte Erinnerungen verweben sich mit anschaulichem Material, mit nicht selbst Erlebtem, zu einem individuellen Flashback. Jeder von uns trägt einen unzähligen Fundus an bildgewordenen Erinnerungen in sich. Es bedarf eines scheinbar nichtigen Anstoßes und die Bilder tauchen in diesen privilegierten Momenten an die Oberfläche des Bewusstseins.

Beate Höings plastisches und malerisches Werk thematisiert diese innere Zwiesprache und Suche nach den imaginären Bildern der Innerlichkeit. Auslöser sind häufig Fotografien aus ihrem biografischen und persönlichen Umfeld, Stofflichkeiten oder Gegenstände mit Wiedererkennungswert, aber auch eigene familiäre Rituale, scheinbare Banalitäten des Alltags. Sie bilden einen persönlichen Fundus der Künstlerin, der komplexe gedankliche Prozesse initiiert – Erinnerungsarbeit.

In im malerischen Werk präsentieren sich dem Betrachter vergangene Bilderwelten in Anlehnung an die fotografischen Vorlagen ausschnitthaft oder schnappschussgleich, und doch selektiert der Blick der Künstlerin die erinnerten Wahrnehmungen. Die zumeist kleinformatigen Bilder begrenzen den eigenen Erkundungsraum, halten die Betrachter gefangen und erzwingen die Konzentration auf das Wesentliche: Sie repräsentieren einen Mikrokosmos, der Ausdruck für die Intimität eines Augenblicks der Selbsterkenntnis ist. Farben und Ornamentik werden zu atmosphärischen Stimmungsträgern. Dargestellte Personen, auch in den Portraits, dienen in der Hauptsache der sinnlichen Widerbelebung längst vergangener Emotionen, aktualisieren diese in eine wirkungsmächtige Bildhaftigkeit und offenbaren Wünsche, Sehnsüchte, Ängste oder Glück in scheinbar zeitloser Präsenz.

Die malerische oder plastische Rekonstruktion der Vergangenheit lässt längst Vergessenes an die Oberfläche treten und evoziert Fragen: Warum berührt mich dieses oder jenes? Was sind das für Bilder in mir, die infolge dessen entstehen? Was passiert und welchen Bezug gibt es zur Gegenwart? Das ausgewählte Motiv wird zum Auslöser eines inneren Diskurses, bei dem eine eigene Sicht auf Ereignisse hinzugefügt und Schwerpunkte durch die Künstlerin gesetzt werden. Erlebte Momente aus der Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich. Ebenso spiegeln sich die Kindheitserinnerungen der Künstlerin in den Erfahrungen und Erlebnissen mit den eigenen Kindern. Wandlung und Erkenntnis erschließen sich durch Überlappung verschiedener Ebenen.

Neu im Werk Beate Höings sind keramische Arbeiten. Das keramische Material transportiert indirekt die Vorstellung von Kitsch und Kunsthandwerk. Diese „Hypothek“ kommt der inhaltlichen Aussage, die Beate Höings Arbeiten in sich tragen, entgegen. Denn der Begriff „Keramik“ formuliert auch unbewusst die Sehnsucht des Menschen nach dem Unbeschädigten, Intakten und Sentimentalen, zum Beispiel der heilen Welt vergangener Kindertage. Im Material wird diese gedankliche Ebene als Ausdruck eines sozialen Gefüges direkt transportiert. Beate Höing steigert – fast provokant – diese Aussagekraft. Eingearbeitete Nippes- und Porzellanfigürchen, seit Jahrhunderten Inbegriff kleinbürgerlicher Spießigkeit, als Dekorationsartikel oder Souvenir geliebt oder als Kitsch abgetan, schmücken die farbigen Kleider der Mädchenfiguren oder dienen als Ruhekissen für Träumende oder Schlafende. Opulent erwachsen die Figuren aus floralen Sockelelementen. Die Kleinplastiken erscheinen als Wesen einer märchen- oder feenhaften Zwischenwelt. Trotz ihrer menschlichen Proportionen treten sie dem Betrachter nicht als eigenständige, personalisierte Abbilder der Realität entgegen. Die Plastiken Beate Höings sind als Portraits der Innerlichkeit zu verstehen. Sie entwickeln sich, aus dem malerischen Werk, in verstärktem Maße zu einem selbstständigen Sujet. Diese Arbeiten erlangen einen größeren Freiheitsgrad als die Malerei, da sie zum einen mehr Distanz zum auslösenden Moment der Erinnerung besitzen. Neu ist zum anderen der sich erweiternde Spielraum und die Öffnung für Surreales, Fantastisches und Unterbewusstes. Die gleichzeitige Direktheit in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der Erinnerung geht dabei nicht verloren.

Beate Höings Bilder und keramische Arbeiten entwickeln sich thematisch aus dem persönlichen Anliegen ins Universelle. Sie sind als Erinnerungsfundus im Sinne einer Gesamtchronik zu verstehen.

Jutta Meyer zu Riemsloh